Mozart Requiem KV 626 Fassung Karl Marguerre & Dorothee Heath
Mozart Requiem KV 626Fassung Karl Marguerre & Dorothee Heath

Ausschnitt aus dem Artikel eine neue Lösungsmöglichkeit für Mozarts Requiem in "Forum Kirchenmusik" Heft Jan./Febr. 2021

Musikalische Kriterien - die Bassetthörner als Sopranverstärkung in Mozarts Requiem

 

....Im Gegensatz zu der meist tiefen Lage des Soprans im noch von Mozart ausgeführten Introitus ist in einigen anderen Sätzen das g2 eine häufig vorkommende Note, wie zum Bespiel im Dies irae: hier kommt das g2 21 Mal im Sopran vor und wird zudem als Zielnote auf betonten Textsilben meist skandiert und im forte vorgetragen. Süßmayr vermeidet in der ersten Bassetthornstimme ganze 21 Mal die Verstärkung der Melodiespitzen, wohl wissend, dass die höchste Note der Bassetthörner g2 matt klingt. Wie lückenhaft Süßmayrs Bassetthornstimmen als Oberstimmen beispielsweise im Dies irae klingen, fällt erst auf, wenn man einmal den Orchesterpart ohne den Chorpart mit den (historischen) Bassetthörnern musiziert. Franz Beyer lässt zwar in seiner Fassung von 1971 die Bassetthörner alle hohen g2-Noten spielen. Dies stellt aber nur eine Notlösung dar, da die historischen Bassetthörner diese Note nur weich und (absolut gesehen) nicht im forte spielen können. Eine ähnliche Problematik zeigt sich bei einer möglichst adäquaten Begleitung der Sopranstimme im Domine Jesu, die im Forte sogar bis zum a2 geht, um den Affekt der Angst vor dem „tartarus“ auszudrücken....

....Als „summum opus summi viri“ soll der Leipziger Kantor Johann Adam Hiller um 1800  Mozarts Requiem bezeichnet haben.[1] In der Tat begegnet uns in ihm ein kunstvolles Panorama an Satzarten und Ausdrucksarten, die, um mit Goethe zu sprechen, quasi „den ganzen Kreis des Himmels bis zur Hölle“ beinhalten (den Himmel im Sanctus, den „tartarus“ im Domine Jesu). Mozart folgt dafür einem klaren Tonartenplan. Die Sätze mit den drei originalen Bläserpassagen stehen jeweils in der Grundtonart der Bassetthörner F-Dur/d-moll. Die Bassetthörner unterstützen im Introitus den Ausdruck der Totenklage, im Recordare den Ausdruck des Flehens um Gnade, im Confutatis den Ausdruck der Demut im Angesicht des Todes.

Wechselt der Ausdruck des Textes, verwendet Mozart eine andere Tonart. Da die Tonarten in der Klassik bestimmten Affekten zugeordnet sind, bedeutet ein Tonartenwechsel also stets den Wechsel der „Stimmung“. Andererseits ist ein Tonartenwechsel wiederum fast immer mit einem Wechsel der Klanggruppen kombiniert. Denn die Bläsergruppen wurden bis 1800 häufig in ihrer Grundtonart oder ihrer nächsten Quintverwandtschaft eingesetzt, da sie so am besten klangen. Textstellen, die vom Himmel, der Erlösung und der Herrlichkeit des Herrn sprechen und in einer anderen Tonart als d-moll/F-Dur (der Grundtonart der Bassetthörner) stehen, wären von Mozart deshalb vermutlich auch anders instrumentiert worden....

D-Dur, die Tonart des Sanctus (das einen Gegenpol zum Introitus und zum Dies Irae bildet) war mit den damaligen Bassetthörnern schwer zu intonieren und ist traditionell, zumal mit Chor, Pauken, Trompeten und Posaunen, eine typische Tonart für begleitende Flöten und Oboen (wie etwa der Chor der Priester in der Zauberflöte: „O Isis und Osiris“ in D-Dur). Interessanterweise wechselt Robert Levin in seiner Fassung von 1991 nur in diesem einen Satz zu A-Klarinetten, was aber nur eine Teillösung darstellt und untypisch für einen großen Chorsatz mit Pauken und Trompeten ist....

D. Heath

[1] Er war einer der ersten, der einzelne Sätze des Werkes (noch vor 1796) in der Leipziger Thomaskirche aufgeführt hat.

 

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